Schlagwort: Motivation

Die 7 Phasen einer Fahrt – oder wie Du wieder nach Hause kommst

Phase 0: Der Vorabend

Die Fahrt beginnt eigentlich schon am Vorabend. Du checkst nochmal Dein Rad, du überlegst, was ziehst du an und was nimmst du zu Essen mit. In Gedanken fährst du im Voraus die Strecke zum x-ten Male ab, verhandelst mit dir deinen Respekt vor der Entfernung.

Viel wichtiger ist allerdings das Wetter. Ungünstiger Wind oder sogar glatter Gegenwind auf 100 km heißt schon mal, dass sich die Reisezeit vielleicht um eine Stunde verlängert. Viel schlimmer ist es, wenn Regen vorhergesagt wird. Aber immer gilt: Das Wetter wird bei der Abfahrt gemacht!

Es gilt: Das Wetter wird bei der Abfahrt gemacht!

Phase 1: Der Start

Piep-piep – wir haben uns alle lieb? Nein, der Wecker klingelt. Der Tag beginnt früh. Langstrecke mit einem Lastenrad bedeutet, mindestens 10, eher 12 Stunden im Sattel. Also früh los. Zumal um vier Uhr morgens noch wenig Autoverkehr herrscht. Traumbedingungen sozusagen.

Die ersten Kilometer kosten Mühe; du versuchst, Deinen Rhythmus zu finden und warm zu werden. Nach einigen zwanzig Kilometern meldet sich der Durst, oder sogar der Magen, denn ein frühes Frühstück ist nicht jedermanns Sache.

Phase 2: Das zweite Viertel

Mit Hellwerden beginnt dein Kopf an zu denken. Ganz schlechter Zeitpunkt jetzt, da die Hälfte der ersten Hälfte, also die Hinfahrt, noch nicht geschafft ist. Und Zeit für eine Pause ist eigentlich auch keine. Du gehst quasi Gassi mit deinem inneren Schweinehund, der dich immerwährend fragt, was wir beide zusammen hier draußen um diese Uhrzeit machen. Und wenn es jetzt regnet, zerrt der ganz schön an der Leine, aber in die falsche Richtung.

Der innere Schweinehund zerrt der ganz schön an der Leine, aber in die falsche Richtung.

Phase 3: Die erfolgreiche Hinfahrt

Hier könnte es stressig werden. Du bist mit dem Händler oder Erzeuger der Ware verabredet, die du abholen willst. Also gilt es, Öffnungszeiten einzuhalten. Oder es wartet eine Fähre auf dich, oder eben nicht. Also, fährst du gegen die Uhr – trotz aller Planung und geplanter Wegpunkte, die du pünktlich passierst: Immer schwingt Unbehagen mit, ob der aufgestellte Fahrplan funktioniert.

Phase 4: Einladen und nichts wie weiter…

Sofort nach einer Ankunft wirst du zum Pressesprecher deiner Initiative. Was tust du? Was willst du erreichen? Warum bist du so verrückt? Erklären, erläutern, einpacken, abfahren. Zeitpunkt der höchsten Motivation: Ware ist an Bord, Mitmenschen mit deiner Aktion erreicht, Rückfahrt.

Einladen und nichts wie weiter… Zeitpunkt der höchsten Motivation

Phase 5: Fahren, fahren, fahren

Gleicher Weg zurück oder zu einem neuen Ziel. Egal, jetzt nur die ganze Fuhre heile nach Hause bringen, und hoffen, es kommt nichts dazwischen.

Phase 6: Irgendwo…

Dein Schweinehund hat einen Spielgefährten gefunden. Du hast ihn nicht kommen sehen; er war einfach da, so aus dem nichts. Tiefpunkt der Motivation. Zu weit nach Hause, zu schwer nach Hause (weil Ladung ist ja schon an Bord), zu spät am Tag. Und wenn es jetzt Regnet, zerren die Hunde ganz schön an der Leine.

Phase 7 (ist Zufall, die verflixte Zahl)

Jetzt nur noch der berühmte Katzensprung. Müsste eigentlich Hundesprung heißen, denn der selbige innere ist jetzt beruhigt. Der heimatliche Fahrradkeller ist in Sichtweite. Schön, wenn es reibungslos geklappt hat.

Hinweis: Du kannst mehrmals durch die eine oder andere Phase fahren.

Die Initiative longdistance-cargocycling.org lebt vom mitmachen…

Meine Fahrten kommen nur zustande, wenn sich genügend Menschen finden, die nicht nur Interesse an Bioprodukten haben, sondern denen auch an einem klimaschonenenden Transport gelegen ist. Deshalb vielen Dank an Euch, die Ihr die bisherigen Projekte der Honig- und Brotfahrten mit Euren Bestellungen ermöglicht habt.

Für mich ist es spannend, mit Euch über neue Ideen für longdistance-cargocycling.org ins Gespräch zu kommen. Bei dem Versuch, Güterverkehr anders zu denken, gibt es in meinem „Abnehmerkreis“ der geradelten Produkte drei Grundmuster von Reaktionen.

Da sind zunächst die Bio-fokussierten: „Von dem Honig möchte ich auch einige Gläser!“ Ja, gerne, ist Ladung für die nächste Fahrt, aber um den Honig, um bei dem Beispiel zu bleiben, geht es mir doch gar nicht. Es kann auch Zeitungspapier sein; die Ladung ist nur Mittel zum Zweck, mit den Aktionen Aufmerksamkeit zu generieren und zum Andersdenken anzuregen.

Dann sind da die unglaublich Staunenden: „Wow, 200 Kilometer an einem Tag, mit Ladung auf dem Rad!“ Dieser Typ sieht den Sport im Vordergrund. Ich sorge bei ihm für Emotionen: Das Staunen und die Begeisterung, was die physische Leistung betrifft. Aber auch das ist mir wichtig, will ich doch zeigen, wie es sich anfühlt, eine Ladung Honig über 200 km per Muskelkraft zu bewegen.

Egal, was Du uns mitbringst, wir ermöglichen Dir eine neue Fahrt!

Simone

Und dann sind da die Begeistert-Mitreis(s)enden: „Egal, was Du uns mitbringst, wir ermöglichen Dir eine neue Fahrt!“ Sehr gut, so machen wir das, und ich wünsche mir viel mehr davon.

Letztere sind mir selbstverständlich am Liebsten. Aber auch alle anderen sind herzlich willkommen!

Langstrecke: Gegen die Uhr, gegen sich selbst, aber für die Umwelt

Longdistance-cargocycling.org bedeutet, für Freunde, Bekannte oder Unternehmen Waren mit dem Lastenrad von Ort zu Ort zu transportieren. Es ist mein Beitrag, aufmerksam zu machen, wie komfortable wir es uns mit dem Lkw eingerichtet haben und wie stark wir von fossilen Treibstoffen abhängig sind. Oftmals wissen wir gar nicht, wie viele Lkw-Kilometer in unseren täglichen Produkten stecken.

Radfahren auf einer Urlaubstour heißt, einfach die Strecke genießen und ankommen. Longdistance-cargocycling.org geht einen Schritt weiter: Die Strecke genießen, ankommen und mit Ladung zurückkommen. Die Ladung motiviert. Sie ist das verbindende Element zu denen, die meine Idee durch ihre „Bestellung“ ermöglichen.

Es kostet Überwindung, morgens in der Früh´ loszufahren. Hinzu kommt Druck, unterwegs bestimmte Öffnungs- oder Abfahrtszeiten einhalten zu wollen, wie der des Ladens am Ziel oder von Fähren entlang der Strecke.

Am Ende steht immer die Gewissheit, Aufmerksamkeit erzeugt zu haben, um ein Nachdenken über unsere Kauf- und Transportgewohnheiten anzuregen.

Als Dank kommen die vielen positiven Rückmeldungen zu den tollen Produkten, die ich mitbringe. Bedanken tut sich auch die Natur. Sie bedankt sich sofort, noch auf der Fahrt, mit Vogelkonzerten und traumhaften Sonnenauf- oder –untergängen. Und sie bedankt sich langfristig, weil jemand auf sie achtet.

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